Tanz



Die 1920er Jahre sind sicherlich einer der interessantesten Zeitabschnitte des 20. Jahrhunderts die es in Deutschland gegeben hat. Dies liegt an der Schnelligkeit und Vielfältigkeit, die diese Zeit in allen Bereichen des Lebens ausmachte. Politik und soziale Strukturen änderten sich oft wöchentlich, wie man zum Beispiel an der Inflation zu Beginn der 20er Jahre erkennen kann. Diese Vielfältigkeit und die damit verbundenen Veränderungen drückten sich durch die zeitgenössische Kunst, aber auch durch Musik und Tanz aus.

Es schien, als ob sich die Menschen die Kriegsjahre vom Leib tanzen und zugleich ihre Hoffnungen mit dem Tanz ausdrücken wollten, als Silvester 1918 offiziell das Tanzverbot aufgehoben wurde. Es gab einen wahrhaften Tanztaumel, der nicht einfach nur intensiv war, sondern auch eine komplette Veränderung des Gesellschaftstanzes mit sich brachte. Die neuen Tänze hatten afrikanische und amerikanische Wurzeln und brachen mit der europäischen Tanztradition. In diesen neuen Tänzen und der dazugehörigen Musik drückte sich die neue Rolle der Frau aus, die ein neues Selbstbewusstsein erlangte und nun nicht nur auf dem Tanzparkett eine Führungsrolle übernahm. Die neuen Tänze machten die Tänzer „gleich“, es gab kaum Bewegungen, die nur von einem Mann oder nur von der Frau getanzt werden konnten.

Den Anfang der neuen und wilden Tänze machte der Foxtrott, der 1918 mit dem dazugehörigem Ragtime von den Amerikanern mitgebracht wurde. Dieser Foxtrott war allerdings ein anderer, als der, den man aus den heutigen Tanzschulen kennt. Er war wilder und weniger reglementiert, eher eine Art zappeliger Stepptanz.

Um 1920 trat der Shimmy und Jazzmusik das Erbe des Foxtrotts an und brachte auch eine Veränderung der Tanzkapellen mit sich, die nun weniger klassisch war und eben mehr auf den Jazz ausgerichtet war. Jazz und die neuen Klänge, wie z.B. Trompeten, Gitarren oder gar Gegenstände, die zu Percussionsinstrumenten umfunktioniert wurde, spalteten die Gemüter. Die einen fanden es grotesk, die anderen waren von den neuen Möglichkeiten faszieniert. Auch der Tanz an sich stieß nicht nur auf Gegenliebe, denn durch seine Schüttelbewegungen und der Zentrierung auf das Becken und die untere Körperhälfte bekamen die Tänze eine neue Körperlichkeit und Erotik, die letztlich in dem Charleston gipfelte.
Eine weitere Besonderheit des Tanzes in 20er Jahren war vielleicht auch, dass er fast alle Bevölkerungsschichten erreichte. Es waren nicht nur Künstler die dem jazz frönten, sondern es verband sich auf ungewöhnliche Weise Halb- und Lebewelt mit dem Mittelstand. Es waren nicht nur die bekannten Tänzerinnen, Schauspielerinnen, die in diese verruchten Halbwelt eintauchten. Auch einfache Verkäuferinnen konnten sich dieser Verruchtheit hingeben, zumindest für die begrenzte Zeit des Wochenendes. Dies führte zu manch starker Kontroverse, da manche in diesem Gebaren keine Befreiung oder ein Ventil für den Alltag sahen, sonder eine Gefahr für die Selbstdisziplin und sogar die ganze Zivilisation erkannten.

Allerdings waren diese Sorgen unbegründet, denn zum einen wurden die Musik und der Tanz immer weniger wild und unterstellten sich allmählich einer Reglementierung, die z.B. von Tanzmeisterschaften ausgingen (man beachte den Anfangs erwähnten Foxtrott). Zudem brach andererseits mit der großen Depression auch die Vergnügungsgesellschaft und -Industrie zusammen, und spätestens der Erlass der Nazis von 1935, welcher die Jazzmusik aus dem Rundfunk strich, beendete diese interessante Tanzepoche.

Tänze der 20er Jahre

Hier eine kurze Aufzählung mit Beschreibung der drei wichtigsten und populärsten Tänze der zwanziger Jahre in Europa.

Foxtrott

Entstand 1910 in Amerika und kam erst 1918 nach Deutschland. Es gibt viele Abwandlungen und Entwicklungen des Foxtrotts, von komplizierten Schritten bis zum einfachen und beliebten Tanz der heutigen Zeit. Durch eine vereinfachte Schrittfolge und schnelleres Tempo entstand aus ihm 1924 der sogenannte Quickstep.

Shimmy

Gesellschaftstanz des 20. Jh. aus afroamerikanischer Herkunft. Er kam in den Jahren 1920 und 1921 in Europa zu großer Verbreitung als beliebter Modetanz. Er ist mit dem Foxtrott verwandt. Die dazugehörige Musik ist ragtimeverwandter Jazz mit 4/4 – oder ¾ – Takt. Die Beine werden bei diesem Tanz steif gehalten und die Fußspitzen bleiben geschlossen. Dies ist auch das Besondere des Shimmys: Es wurde erstmals auf virtuose Beintechnik verzichtet, stattdessen bewegt man schüttelnd Becken, Hüfte und Po. Dies macht den Shimmy zu einem sogenannten Platztanz.

Charleston

Hat seine Bezeichnung von der gleichnamigen Stadt in South Carolina. Wurde 1922 in New York erstmals von einer Tanztruppe vorgeführt. Fand um 1925 seinen Einzug in die Tanzsalons Europas, wo er allerdings schon nach kurzer Zeit die Wildheit seiner Bewegungen einbüßte und in gemäßigter Form getanzt wurde. Die Besonderheit des Tanzes ist, dass die Unterschenkel wild seit- oder rückwärts nach oben geworfen werden während die Knie geschlossen bleiben.

Quellen

http://www.uni-koeln.de/ewfak/Mus_volk/scripten/probst/lieder+schlager.htm (13.02.2008)
Schneider, Otto: Tanzlexikon, Mainz, 1985
Schär, Christian: Der Schlager und seine Tänze im Deutschland der 20er Jahre, Zürich 1991
Klein, Gabriele: FrauenKörper. Tanz, Eine Zivilisationsgeschichte des Tanzes, Weinheim 1992

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